Pressetext
14. August–4.Oktober 2026
Vebikus Kunsthalle Schaffhausen
Mirja Busch
Nur ein Bruchteil des Regens
Pfützen kommen und gehen. Mal sind sie da, mal nicht. Meist nehmen wir Pfützen als zufällige Wasseransammlungen wahr, doch genau betrachtet sind sie weder beliebig noch temporär. Pfützen sind ortstreu. Sie entstehen nicht an beliebigen Stellen. Sie haben feste Orte, die sie bewohnen und mitgestalten. Sie sind immer auch die Mulde, die Senke, die Rille oder das Loch, in denen sie sich einnisten. Sie sind im wörtlichen Sinne eingebettet in ihre Umgebung. Pfützen sind das Zusammenspiel von Wasser und Boden. Sie sind Fragmente in der (Stadt)Landschaft. Und Bruchteile – Bruchteil des Regens. Eine Stauung, verzögert und zurückgeblieben, ein Überbleibsel des Niederschlags, der längst weitergezogen ist. Sie sind Momentaufnahmen eines Prozesses – ein Archiv und Erinnerung an ein Wetterereignis. Sie bildet sich dort, wo Oberflächen Risse bekommen, absacken und uneben werden. Der Titel der Ausstellung, ‚Nur ein Bruchteil des Regens‘, trägt diese doppelte Bedeutung in sich: Er verweist auf das reale Straßenbruchstück und die versiegelte Fläche, die Wasser zurückhält und so Pfützen entstehen lässt, ebenso wie auf die Tatsache, dass jede Pfütze selbst nur ein Bruchteil eines Ganzen ist – verbunden mit anderen Pfützen aus dem gleichen Regenschauer, verbunden mit Grundwasser und der Atmosphäre; unvollständig, flüchtig, immer dabei zu verdunsten oder zu versickern, und doch Teil des globalen Wasserkreislaufs.
Mit dieser Ausstellung zeigt die in Berlin lebende Künstlerin Mirja Busch einen Ausschnitt aus ihrem ‚Pfützenarchiv‘, einem seit 2010 wachsenden fotografischen Dokumentationsprojekt, das sich zugleich als eine wissenschaftsähnliche Untersuchung eines Randphänomens versteht. Über einen Zeitraum von inzwischen 16 Jahren dokumentiert sie Pfützen aus unterschiedlichsten Städten – von Kopenhagen, Hamburg, Berlin, München, Wien, Brüssel, Paris, Barcelona und London bis nach New York City, Boston, Los Angeles, Santiago de Chile, Buenos Aires und sogar der Arktis. Die Aufnahmen sind sortiert, klassifiziert und mit einem eigens entwickeltes Kodierungssystem beschriftet, dass sich auf die Einordnung in das Pfützenarchiv bezieht. Von den derzeit rund 5000 Fotografien des Archivs zeigt die Ausstellung nur eine Auswahl– auch die Ausstellung selbst ist damit nur ein Bruchteil dessen, was die Künstlerin bislang gesammelt hat.
In der über den gesamten Raum verteilten Wandhängung wird dieses Archiv nicht chronologisch, sondern in Form von Clustern gehängt: Die Aufnahmen gruppieren sich zu unregelmäßigen, an pixelige Formationen erinnernden Gruppen, sortiert nach Orten. Damit rückt jene Frage in den Mittelpunkt, die Busch seit Beginn ihrer Recherche begleitet: Wie ortsspezifisch sind Pfützen eigentlich? Sieht die Berliner Pfütze anders aus als die Londoner? Lässt sich eine Stadt an ihren Pfützen erkennen? Die Antwort wird nicht formuliert, sondern ergibt sich aus dem Betrachten selbst – aus den sehr unterschiedlichen urbanen Materialitäten, Designs, Standards und Zuständen der Straßen, die sich in den Bildern zeigen, und aus den Ortserinnerungen, die sie in den Betrachtenden wachrufen.
Neben der fotografischen Werkgruppe zeigt die Ausstellung Anhäufungen aus Bruchstücken von Asphalt und Beton. Diese weiteren Fragmente – abgetragen und aus dem Straßenraum herausgelöst – bilden das reale Gegenstück zu den fotografierten Pfützen: jenes Material, dessen Risse, Vertiefungen und Undurchläßigkeiten überhaupt erst die Voraussetzung dafür schaffen, dass sich Wasser sammelt und eine Pfütze entsteht. Im Ausstellungsraum treten sie in einen direkten Dialog mit den gehängten Werken und machen den Boden selbst zum Ausstellungsgegenstand – jenen Untergrund, der im Alltag meist übersehen wird, obwohl er eine Vielzahl von Pflasterungen, Schattierungen und historisch gewachsenen Informationen bereithält.
Buschs künstlerische Recherche basiert auf der Praxis des *Puddle Watching*. Aufheben, Festhalten, Anhäufen, Sortieren, Stapeln: Mit diesen Tätigkeiten nähert sie sich als künstlerische Forscherin einem Phänomen, das sich am Rand der Wahrnehmung abspielt. Pfützen sind anthropogene Begleiter, Hintergrundphänomene und Wetterrückstände zugleich: ortstreu, aber vergänglich, geprägt von Bodenversiegelung ebenso wie vom sich wandelnden Wasserkreislauf. Wie die Pfütze selbst ist auch das Archiv, das sie versammelt, unvollständig und fortlaufend – eine Momentaufnahme, die weiterwächst. ‚Nur ein Bruchteil des Regens‘ macht diesen fragmentarischen Zustand zum Ausgangspunkt einer Ausstellung, die den Blick auf das lenkt, was sonst im Vorübergehen übersehen wird.
